The Smile-IT Blog » 2018/11/27

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Digitalisierung und arrivierte Systeme

 

Kommt man am Gartner Hype Cycle vorbei, wenn man über irgendetwas im Zusammenhang mit Innovation schreibt? Nein.

Er heißt schließlich “Hype Cycle of Emerging Technologies”. Der von 2018 hat gegenüber 2017 kaum Änderungen in den wesentlichen Digitalisierungs-relevanten Technologien erfahren. “Artificial General Intelligence” ist immer noch 10 Jahre entfernt, “Augmented Reality” noch immer ca. 5-10 Jahre, Blockchain ebenso (glauben wir ihm das, dem Hype Cycle?) und Autonomous Vehicles lassen weiterhin auf sich warten – wiewohl Gartner hier offenbar auf die Bewertung der Mobilindustrie eingeschwenkt ist, autonomes Fahren in “Level” einzuteilen. Das ändert dennoch nicht wirklich etwas: Weder Level 5 (voll-autonom) noch Level 4 (semi-autonom) werden wir vor dem Ende des kommenden Jahrzehnts erleben.

Revolution?

Und dennoch – oder gerade deswegen – befinden wir uns in der absolut größten Umwälzung unserer und wahrscheinlich auch noch der kommenden Generation. Warum? Nun, betrachten Sie einfach die geschichtlich gesehen wirklich großen Umwälzungen: Alle gingen mit einer massiven Veränderung aller Lebensbereiche einher:

  • Um das Ende des 18. Jahrhunderts hielt maschinelle Produktion in Industrie und Gesellschaft Einzug. Produktion und Transportwesen konnten sich massiv verändern; erstmals entstanden in riesigem Ausmaß “innovative” Arbeitsplätze. Das gab es davor in dieser Form noch nie.
  • 100 Jahre später brachte die Elektrizität und die Einführung des Fließbandes in der Autoindustrie (Henry Ford) den nächsten disruptiven Wandel; stellen Sie sich bitte nur kurz die Veränderung für Fabrikarbeiter vor, die es bisher gewohnt waren, sich in die Verrichtung ihrer täglichen Arbeit persönlich einzubringen. Das war wohl am Fließband nicht mehr ganz so wesentlich …
  • 1970? Genau: Der Personal Computer. Mit einher ging eine weitere Automatisierung von Arbeitsabläufen. Wiederholbarkeit, Arbeitseffizienz (effektiv war man schon seit dem Fließband), Prozess-Orientierung, … Alles Entwicklungen, die wir wohl alle selbst in den darauffolgenden Jahren miterleben durften.

Was waren denn die Gemeinsamkeiten aller dieser Phasen? Neue Tätigkeiten entstanden, Unternehmer fanden Einsparungspotentiale, Veränderungen von Arbeitsabläufen führten zu neuen Schwerpunkten für Arbeiter und gleichermaßen für Angestellte.

Immer in solchen Phasen war es vor allem der Arbeitsplatz, der sich veränderte. Angenommen, wir verbringen ca. 1/3 unserer täglichen Lebenszeit an diesem Platz – dem Arbeitsplatz (ohnehin defensiv geschätzt) …

Ich glaube, damit wird die Disruption der momentanen Digitalisierungswelle mehr als deutlich!

Und Sie dürfen sich darauf verlassen, dass es auch in den früheren industriellen Revolutionen eine ganze Menge Menschen gab, die die Entwicklungen jeweils wahlweise leugneten, zur Kenntnis nahmen und damit arbeiteten oder überhaupt nicht bemerkten, weil sie in ihnen groß geworden waren.

Digitalization

Technisch erklärt sich die Welle der Veränderung im übrigen durch ein einziges kleines Element: Das Ding. Alles andere hatten wir schon. In der Dritten Revolution bekamen wir die Systeme; in der zweiten die Automatisierung, usw…

Digitalisierung ist schlicht das nahtlose Zusammenwirken von Menschen und Systemen und – eben – Dingen (Wearables, Sensoren, Aktoren, … die Möglichkeiten sind endlos).

Rund um dieses entscheidende gesellschaftsverändernde Paradigma bilden sich viele der eingangs zitierten Technologien. Wenn wir diese in ihrer zeitlichen Einordnung etwas genauer betrachten, wird zudem deutlich, dass die Veränderung, in die wir eingetreten sind, nicht erst gestern begann.

  • Vor ein paar Jahren haben Analysten das Zusammenwirken der 3 großen Trends der 00er-Jahre (Social, Mobile, Data) zum “Nexus of Forces” (Gartner) oder “3rd Platform Generation” (IDC) erklärt. Das wiederum hat nahtlos in jenes Umfeld geführt, in dem wir uns heute befinden (nur dass man heute keine Abgrenzung dieser Trends zueinander mehr erkennen kann)
  • Cloud Computing (etwa 2008 in unsern Breitengraden breitenwirksam geworden) bildete – ich bin in diesem Punkt übrigens entschieden anderer Ansicht als die “Nexus”-Anhänger – die Basis für all das
  • Doch wann entstanden die ersten Überlegungen zu virtuellen Räumen und Realitäten (VR / AR)? Genau genommen 1950 mit dem Heilig’schen “Experience Theatre”, jedenfalls aber 1991 mit “THE CAVE” (dem ersten echten virtuellen Raum). Erinnern Sie sich, welche Projektion Gartner für die Entwicklung von Virtual Reality gab?
  • Artificial Intelligence: Die Literatur ist sich einig, dass die erste ernstzunehmende künstliche Intelligenz jene ist, die 1997 den amtierenden Schachweltmeister Garry Kasparov geschlagen hatte (Anekdote am Rande: Kasparov hatte danach IBM des Schwindels bezichtigt und eine Wiederholung verlangt, die IBM nie zugestanden hat)
  • Autonomes Fahren wurde erstmals in einem Artikel 2012 erwähnt; technisch gesehen ist das ein Thema, das längst in unseren Alltag Einzug halten könnte; allein die Regularien hinken da “etwas” hinterher … was wiederum zeigt, welch geringe Bedeutung oft technologische Erfolge haben (und wie wichtig gerade momentan eine ganzheitliche Betrachtung des Themas ist)
  • Bitcoin (2008): Die protagonistische Erfindung eines Japaners (Satoshi Makamoto), der mittlerweile ein Phantom zu sein scheint, wälzt mit der Alleinstellung der zu Grunde liegenden Technologie “Blockchain” (allerdings erst etwa 2016) eine ganze Technologie-Domäne (das Speichern und Manipulieren von Daten) um. Wir wissen alle, dass mittlerweile durchaus ernst zu nehmende Blockchain-Anwendungen entstehen (besonders interessant für Österreich, die individuelle Paket-Station der A1 – zu sehen ab Februar 2019 in unserer Stadt)
  • Und dann war da noch ganz nebenbei 2013 der Blogpost des Warner CTO, Jonathan Murray: “The Composable Enterprise” – behalten Sie das bitte einige Zeilen lang im Hinterkopf

Die unweigerliche Frage an dieser Stelle: Was hat nun ihr ERP System mit all diesen Entwicklungen, Umwälzungen, Neuerungen zu tun?

Garnichts. Und alles. Weil nämlich, recht banal:  Ihr ERP System ist das Rückgrat ihrer Geschäftsprozess und – vor allem – Geschäftsmodell-Welt in ihrem Unternehmen. Ihre Stakeholder im Haus und außerhalb verlassen sich in dem Punkt auf Sie als CDO. Und sie verlassen sich darauf, dass ihr ERP System den Anforderungen einer erneuerten Technologie-, Organisations- und Arbeitsplatz-Welt gerecht wird.

In den folgenden Absätzen möchte ich gerne einige Beispiele bringen, wie Sie mit den Umwälzungen im Kontext von ERP umgehen können. Manche der Beispiele sind nicht neu – wurden lediglich noch nie in diesem Zusammenhang angedacht, andere sind mit Sicherheit dazu geeignet, den Betrachtungswinkel zu verändern … Hoffe ich.

4 Bereiche im innovativen ERP

Ich gliedere die Betrachtung von ERP im Rahmen der Digitalisierungswelle in 4 Bereiche:

  1. Systeme
  2. Prozesse
  3. Menschen
  4. und Schnittstellen

Systeme

Beginnen wir mit den Systemen – oder besser: Mit dem System ansich. Das folgende Bild zeigt ein Beispiel eines äußerst umfangreichen Systems; eigentlich spricht man hier bereits von einem “System-of-Systems”.

Die Darstellung als sg. “Cyber-physical System-of-Systems” ist in doppelter Hinsicht relevant für einen Vergleich mit Ihrem ERP System:

  • Einerseits integriert diese Referenz-Architektur bereits Aspekte des IoT (siehe “Device Layer”) – etwas, das nicht erst in Zukunft für jedes Business und jedes Enterprise-relevante System wesentlich werden dürfte
  • und andererseits zeigt diese Referenzarchitektur in ihren einzelnen Building Blocks, wie wesentlich Modularität und Flexibilität in Zukunft sein wird

Sollte Ihr ERP nach wie vor monolithisch aufgebaut sein, ohne Möglichkeit einer sinnvollen architektonischen Dekomposition, einer Modularisierung und Wiederbenutzung einzelner Komponenten in anderem Kontext, so wäre es unter Umständen an der Zeit, über ein groß angelegtes Innovations- und Modularisierungs-Projekt nachzudenken.

Natürlich nicht zum Selbstzweck.

Prozesse

Was uns zum zweiten großen Kernthema, den durch das System unterstützten Prozessen, bringt.

Nach wie vor erlebe ich in meinen Kunden-Interaktionen zu Hauf Situationen, in welchen das System den Prozess definiert. Der Zugang, ein System – wie bekannt und etabliert auch immer es sein mag – zu verwenden, um sich dann vorschreiben zu lassen, wie Abläufe innerhalb des Unternehmens oder mit Kunden, Lieferanten, Nutzern, … zu erfolgen hat, wird auf lange Sicht das Geschäftsmodell töten, das Ihre Stakeholder eigentlich mit ihrer Unterstützung als CDO aufbauen wollten.

Gene Kim, Autor des legendären Technologie-Romans “The Phoenix Project”, hat schon vor etwa 5 Jahren die Verflachung von Silo-Strukturen und die Flexibilisierung und Agilisierung von Prozessen angeregt und vielfach, weltweit, erfolgreich propagiert. Der Grundgedanke seines Paradigmas (ein nahtloser, durch alle Instanzen vollkommen blockade-freier Prozess) fand zu allererst Einzug in den “DevOps” Gedanken, in dem Anfangs Software, später auch Infrastruktur nahtlos aus der Entwicklung produktiv verfügbar gemacht werden sollte. Ansich schon eine disruptive Idee. Nun stellen Sie sich bitte für einen Moment die Prozesse in ihrem Haus vor und wie diese durch ihr ERP-System

  • flexibel
  • nahtlos
  • blockade-frei
  • mit immer aktuellen Daten
  • eventuell sogar vorausschauend

unterstützt und abgewickelt werden.

… Ja? Wenn nein, dann hätten Sie hier einen weiteren Ansatzpunkt; denn die digitale Transformation von Geschäftsmodellen in Ihrem Unternehmen wird nach dieser Flexibilität und Nahtlosigkeit verlangen.

Menschen

Oben und unten im Bild habe ich Menschen, Ihre Mitarbeiter, einerseits und Schnittstellen, im Innern und nach Außen, andererseits gestellt.

Ich gehe davon aus, dass Sie alle längst vertraut sind mit der Einordnung der Generationen Y, Z und Alpha.

  • Die Generation Y ist jetzt knapp oder bereits in den 30ern angekommen. Diese Altersgruppe schätzt internationale Erfahrungen und ist nach wie vor offen für immer neue Betätigungsmöglichkeiten
  • Die Generation Z – heute noch heranwachsend oder vielleicht gerade das Studium abschließend – wird es besonders schätzen, wenn sie sich innerhalb ihres Arbeitskontextes frei und flexibel bewegen kann. Übernahme von Verantwortung ist da nicht mehr so besonders wesentlich. Mit Ihren hierarchischen Strukturen dürften Sie die also kaum locken können …
  • Und die Generation Alpha – die Kinder unserer Zeit, vielleicht noch nicht mal geboren – wächst mit vollständiger Digitalisierung auf. Die spüren vielleicht nicht mal mehr, dass es vor der Digitalisierung auch Zeitalter gegeben hat. Und es wird eine der umfassendst gebildeten Generationen sein – FALLS unser Schulsystem endlich auch merkt, dass Veränderung wie nie zuvor gerade passiert, könnte es sogar einen Beitrag dazu leisten; ansonsten erledigt das Youtube (mit allen Vor- und Nachteilen)

Allen gemeinsam ist das Sehnen nach dauernder Stimulanz, nach unlimitiertem Zugang zu Technologie, nach hoher Flexibilität. Diese Menschen sind nicht mehr intrinsisch loyal. Sie als CDO werden es künftig immer schwerer haben, diesen Menschen ein Umfeld zu bieten, in welchem sie sich nach ihren Wünschen und Möglichkeiten entfalten können – Sie werden das aber tun müssen, wenn Sie sie halten wollen.

Lassen Sie mich noch zwei weitere Punkte anführen, warum das Eingehen auf diese Generationen so wichtig ist:

  • Vor ein paar Jahren ist Microsoft durch Wien mit einem zu einem Arbeitsplatz umgebauten Automobil gefahren – um dem “Ich arbeite wo ich bin”-Paradigma ein wenig Publicity zu verleihen. Das ist vielleicht nicht ganz so eingetreten, wie damals prognostiziert, aber wenn in einem namhaften, österreichischen, durchaus innovativen, Unternehmen die IT-Mitarbeiter immer noch das Wort “Homeoffice” nur hinter vorgehaltener Hand sagen dürfen, so ist das mit Sicherheit eine in den Abgrund führende Firmenpolitik – oder zumindest eine, die die innovativen Generationen unserer Zeit eher verschreckt als anlockt

  • Und zum zweiten – ich habe mir die Tage eine kleine scherzhafte Umfrage unter meinen Social Media Followern erlaubt; das Ergebnis erklärt schon recht deutlich, warum sie ihre Kinder per Telefon nicht mehr erreichen 😉 – Nur: Was tun die mit ihrem Smartphone? Außer “WhatsApp” – oder neuerdings “Signal”? Das ist deren Computer, deren Arbeitsgerät. Geben Sie Menschen dieser Generation Software für den Arbeitsplatz, die diese nur noch am Desktop-Computer nutzen können und sie können sich sicher sein, dass die in Kürze wieder das Weite suchen. Good News: Die brauchen wenigstens keinen Firmenwagen – hier sparen Sie sich was …

Schnittstellen

Last not least – und vielleicht das Wichtigste überhaupt für Ihr ERP-System: Denken Sie um! Flexibilität und die rasche, dynamische Anpassung an neue Geschäftsmodelle wird essentiell sein. Entschuldigung: Ist es bereits heute.

Ein Wegweiser wie kein anderer ist der – auch schon ein paar Jahre alte – Artikel des (damals) Warner CTO, Jonathan Murray – aka: Adamalphus.

Der Artikel postuliert 4 disruptive Veränderungen, die Sie ihrer Core-IT anheim fallen lassen müssen, um gerüstet zu sein für zukünftige Herausforderungen:

  1. Entkoppeln Sie Software und Infrastruktur; flexibilisieren Sie Deployment, Veränderung in Systemen, Skalierung, …
  2. Machen Sie Ihre Daten zu Services. Datenbanken sind Geschichte. Stored Procedures sollen nicht einmal mehr gedacht werden dürfen (das legendärste Zitat aus dem Artikel sehen Sie im Bild)
  3. Wir haben es im Kontext des Wandels von Systemen besprochen: Modularisierung von Applikationen, Service-orientierte Architekturen, erlauben Ihnen flexible Gestaltungsmöglichkeit und eine dynamischere Unterstützung ihrer Prozesswelt
  4. Und – letztendlich – automatisieren Sie, wo es geht. Adamalphus sagt: Automate Everything!

 

Conclusio

Daher:

Machen Sie sich selbst obsolet. Und machen Sie sich frei, neue Bedürfnisse, neue Skills, eine neue Einstellung zu den Notwendigkeiten – zu den Jobs – in Ihrem Unternehmen zu denken. Um die Systeme, Prozesse und Schnittstellen von morgen aktiv gestalten zu können und Ihren Mitarbeitern ein Umfeld zu bieten, zu welchem die ihre Peers von der Uni dazu holen anstatt umgekehrt.

Prioritäten

Weil warum? – Das folgende Bild zeigt abschließend die Prioritäten, welchen wir uns in einer digitalisierten Welt stellen werden müssen; Prioritäten, die Unternehmen, Geschäftsmodelle, ganze Geschäftszweige oder Domänen verändern werden.

Wollen Sie mit Ihren Ideen und systemtechnischen Ansätzen ein Teil davon sein? Dann gibt es jetzt was zu tun.

 

(Link zum Download des Vortrags)

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