5 Erkenntnisse zur Digitalisierung in Österreich

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Nach langem wieder mal etwas Deutschsprachiges zum Thema “Digitalisierung” auf meinem Blog …

Gestern fand die Veranstaltung “Digitalisierung von Produktionsbetrieben” der Wirtschaftsagentur Wien gemeinsam mit dem Netzwerk “IoT-Austria” statt. Mein Antrieb, an der Veranstaltung teilzunehmen, entstand weniger aus einem konkreten Projektkontext, sondern weil ich neugierig war, was produzierende Betriebe in Österreich zum Thema zu sagen hatten (und wer überhaupt etwas sagen würde).

Spontaneindruck

Ein bunter Mix von Unternehmen unterschiedlicher Größe und völlig unterschiedlicher Produktportfolios (die Palette reichte von Steuergeräten der Fa. Tele Haase über die Schlösser der EVVA bis hin zum AIT mit UX oder LieberLieber mit dem Thema “Modellbasierte Softwareentwicklung”), dadurch ein bunter Mix von Blickwinkeln auf das Thema und ein übergroßes Interesse im Auditorium. Letzteres könnte man natürlich als Buzzword- und Hype-Interesse werten; mir ist die positivistische Interpretation, dass die Wirtschaft und Industrie in Österreich die Themen “IoT” und “Digitalisierung” in großem Stil annimmt, ehrlicherweise lieber …

Was blieb hängen?

In erster Linie vor allem die durchaus gute Qualität der Vorträge. Allesamt recht praxisnahe mit vielen konkreten Beispielen aus dem Alltäglichen des jeweiligen Unternehmens; kaum einmal eine Themenverfehlung und nur einmal aus meiner Wahrnehmung das “Weißwaschen” des eigenen Portfolios mit dem IoT-Begriff (es wäre ein Wunder, wenn nicht auch hier das passierte, was wir bei “Cloud” einige Jahre lang allerorts gesehen haben).

Die eigentlichen Aha-Erlebnisse allerdings waren:

1: Ein neues Anwenderbild

Sebastian Egger vom AIT machte dem Plenum bewusst, wo die Anwender der Digitalisierungswelle tatsächlich sind: In allen Gliedern der Wertschöpfungskette (und nicht am Ende beim Konsumenten des entstandenen Produktes). Prozesse verändern sich teilweise derart radikal, dass jeder einzelne Mitarbeiter in Zuliefer-Industrie, Produktion, Logistik, Endvertrieb, etc. radikal Neues vorfinden wird und damit einer Umstellung unterworfen ist. Wieviele werden dem gewachsen sein? Und welche der kommenden Digitalisierungslösungen kann sich effizient auf diese verschiedenen Anwendergruppen einstellen?

2: Das Alter, das Alter!

Produzierende Betriebe – wie z.B. Tele Haase – haben Innovation mit teilweise langjähriger, gutgängiger industrieller Substanz zu bewältigen. Produzierende Industriemaschinen haben Halbwertszeiten mehrerer Jahrzehnte. Man tauscht nicht so leicht und schnell aus wie man heutzutage Consumer-Elektronik, EDV oder “Dinge” tauscht. Damit geht schwierige Integrierbarkeit in eine innovative digitale Plattform automatisch einher. Auch der Wille zu radikaler Innovation – zur Neuschaffung der Digitalen Fabrik – kann da schon mal an “Banalitäten” wie der Nicht-Integrierbarkeit einer 20 Jahre alten Industrie-Maschine scheitern. Erfolgreiche IoT- und Industrie4.0-Plattformen werden dem in irgendeiner Form gerecht werden müssen.

3: KMUs haben in Österreich ein “Partnerschaftsproblem”

Gut – das mag eine radikale Übersetzung von Peter Liebers Aussage zu der Tatsache sein, dass er so gut wie keine Kunden in Österreich hat. Seine Analyse war jedenfalls, dass österreichische produzierende Betriebe (größtenteils klassische KMUs) ein Problem haben, mit Unternehmen kleiner 20 MitarbeiterInnen zusammen zu arbeiten. Auf Grund der Flexibilität und Dynamik derartiger Unternehmen ist allerdings gerade dort das nötige innovative Potential zu finden. Die Einzelperson – das Ein-Personen-Unternehmen – reagiert oft wesentlich wendiger und schneller auf Trends und Trendwechsel als größere Unternehmen mit meist schwerfälligeren Strukturen. Angst vor einem Verlust des Partners durch Verschwinden des Unternehmens? Nun – ein durchaus valides Argument; dem wäre allerdings die eigene Stagnation in der aktuellen Zeit des radikalen Wandels in Industriebetrieben entgegenzusetzen …

4: 1 Schloss – 16 Mio. Konfigurationen

Absolutes Highlight des Vormittags jedoch der Vortrag von Johann Notbauer von EVVA. Sein Vortrag spannte in gewisser Weise den Bogen über alle an diesem Vormittag behandelten Themen: Ein österreichisches Traditionsunternehmen, das mit langjährig erprobten mechanischen Schließlösungen einen deutlichen Platz am Weltmarkt einnimmt, das mit einem auf Nachgeschäft basierenden Geschäftsmodell den Hauptumsatz einfährt (Notbauer bemühte das Druckermodell als Vergleich für seine Schließsysteme: billiger Drucker gefolgt von teuren Patronen), das mit dem 4-blättrigen Magnetschlüsselsystem MCS 3D-Druck-kopiersichere Schlüssel am Markt hat, ist plötzlich konfrontiert mit

  • Software
  • Firmware
  • Software-Sicherheit
  • RFID
  • NFC

und vielen anderen noch nie zuvor im Unternehmen gesehenen Herausforderungen. Plus: Das oben zitierte Geschäftsmodell ist mit modernen Schließsystemen, die wesentlich seltenere System- oder Schlüssel-Wechsel nach sich ziehen, im Prinzip kannibalisiert. Kein anderer Vortrag an diesem Tag hat so unmissverständlich und klar deutlich gemacht, was Digitalisierung für ein Unternehmen eigentlich bedeutet und wie radikal man sich darauf einzustellen hat, wenn man reüssieren will.

Und die 16 Mio Konfigurationen aus der Überschrift stimmen wirklich – nur eben nicht mehr für digitale Schließsysteme …

5: Österreich hat ein IoT-Netzwerk

Last not least bleib aber vor allem eines an diesem Tag hängen: In Österreich gibt es bereits jetzt eine recht aktive Community von Menschen, die sich aus freien Stücken zusammengefunden haben, um der Digitalisierung und Industrie 4.0 in diesem Land auf die Beine zu helfen. Das Netzwerk “IoT-Austria” hat diesen Vormittag mit gestaltet, mit einem (zugegebenermaßen fast klassischen, die einschlägigen Themen bemühenden) Impulsvortrag eingeleitet und tritt als solider Mix von Technik-Fachexperten und strategischen Denkern in Erscheinung.

Noch ist das Potential an Unterstützung für die interessierte Industrie und Wirtschaft, das von diesem Netzwerk ausgehen kann, nicht ganz klar, aber die gestrige Veranstaltung zeigte, dass österreichische Unternehmen und vor allem “IoT-Austria” ganz offensichtlich auf einem guten Weg sind, der Digitalisierung in diesem Land auf die Sprünge zu helfen.

 

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